INTEGRALE MEDIZIN


 

 

 `Niemand ist intelligent genug, um

 immer falsch zu liegen ...´

 

 Ken Wilber

Die Idee des Integralen Denkens beruht darauf, dass sich zu allen Zeiten, in allen Kulturen und über alle Erkenntniswege hinweg Wahrheiten zeigen, die wie Teile eines Puzzles, das Bild des Grossen und Ganzen beschreiben helfen. In ihren Ergänzungen, Gemeinsamkeiten und Überschneidungen schimmert das Wesentliche der verschiedenen Wirklichkeit(en) durch. 

 

Mögen diese Erkenntniswege und Inhalte uns heute - mit unseren so rational geprägten, teils stark reduktionistischen Denkweisen - noch so obskur erscheinen, befreit von einer zeitbedingten kulturellen Inter-pretation, bergen viele Vorstellungen und Ideen aus alten Traditionen heute noch wahre Schätze in der medizinischen Behandlung . Vieles droht uns abhanden zu kommen, wenn wir nicht vorurteilsfrei und offen an deren Bergung herangehen.

 

 

Das AQAL- MODELL

Was heißt das für die Medizin unserer Zeit?

Eine unserer aktuellen Aufgaben ist es , wie in archäologischer Kleinarbeit, viele Aspekte alter Traditionen offenzulegen, zu prüfen und zu ordnen. Vom Ballast der Jahrhunderte befreit, können sie einer zeitgemässeren und vollständigeren Beschreibung unserer medizinischen Wirklichkeit dienen.

 

Die integrale Theorie hat uns Landkarten und Werkzeuge zur Sichtung und Ordnung unserer Funde und Befunde an die Hand gegeben.

 

Im magischen Bewußtsein ist der Mensch Eins mit dem Stamm und Teil einer beseelten Natur, der er gleichzeitig ausgeliefert ist. Durch "Bannen und Beschwören, Totem und Tabu" wird versucht, Einfluß zu nehmen. Der Schamane als prähistorischer Mediziner ist für die Beschwörung der Naturgötter und -wesen verantwortlich.

 

 

 

Mythisch-traditionelles Denken ist prärational und bedeutet eine schlichte Einteilung in gut und böse, richtig oder falsch. Monarch und monotheistische Religion bilden die moralische Instanz, die darüber entscheidet. Hier gehört das Arztbild des "Gottes in weiß" mit seiner Allmacht hin, der Patient ist braver Empfänger von Anweisungen.

 

 

 

 

 

Das rationale Denken unserer modernen Zeit unterliegt - wie wohl jede andere vorherrschende Kultur früherer Tage - dem Irrtum zu glauben, die endgültige Wahrheit für sich entdeckt zu habenEs herrscht ein Denken des "entweder - oder" vor:  was nicht rational ist, ist irrational und damit falsch. Objektivierbarkeit, Meßbarkeit, eindimensionales Ursache-Wirkungs- Denken herrschen vor. Es gilt der Glaubenssatz: "wenn erst alle so rational denken wie ich,  wird alles gut". Der Arzt als objektiver Experte ist Herr der Apparate.

 

 

 

Postmodernes Denken - ein Denken des "sowohl als auch" , ein Denken, dass verschiedene Perspektiven einnehmen kann, systemischer Komplexität und seiner selbst als Konstrukt bewusst wird. Es kann einen wesentlichen Fortschritt für sich reklamieren: die Fähigkeit zu relativieren und damit die Fähigkeit, das zu integrieren, was vorher als bedrohlich galt: das Irrationale. Oder besser: das, was sich dem Verstand entzieht. Das Denken wird ganzheitlicher, komplexer, multiperspek-tivischer, aber auch anfällig für Beliebigkeit, nach dem Motto: "Alles geht". Psyche und Soma finden wieder eine Beziehung, der Arzt ist auch Psychosomatiker. Empathie wird zum Heilmittel.

 

 

 

 

Mit dem integralen Denken kommt der Versuch, einen Schritt weiter zu gehen. Da wo das Relativieren in der Postmoderne an Grenzen stößt, da wo die Sicht der Welt immer kleinteiliger, unübersichtlicher und beliebiger wird, unternimmt das Integrale einen gänzlich neuen Versuch, Hierarchie und Ordnung wieder einzuführen.

Um mehr Komplexität zu erfassen, wird die Integration aller vorherigen  Ebenen angestrebt. Die Welt der Phänomene wird aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, in Entwicklungsstufen und - linien eingeteilt und mit Hilfe verschiedene Typologien geordnet, welche die Grundlage für die Entstehung  sogenannter Landkarten der Bewußtseinsentwicklung darstellen. Vorher unvereinbare Haltungen (z.B. grün-empathisch und rot-eigennützig)  können ko-existieren, stehen im Bedarfsfall situationsgerecht zur Verfügung.

Das Bild der Welt wird vollständiger und vielschichtiger, bekommt wieder eine Richtung und verfügt wieder über Sinn.

Der Arzt bietet im Idealfall partnerschaftliche Führung an, klärt auf, greift variabel und bedarfsgerecht zum notwendigen Hilfsmittel und findet gemeinsam mit dem Patienten Wege aus der Chronifizierung.